– Warum Gesellschaft Momente des Innehaltens braucht –

Die Welt ist schnell geworden, in Teilen vielleicht zu schnell. Politik und Gesellschaft sind zunehmend dem rasanten Tempo des digitalen sozialen Raumes ausgesetzt, sind verstrickt und manchmal verloren in einer immer komplexer werdenden globalisierten Welt, suchen nach Antworten aber stellen keine Fragen mehr. Die Tagespolitik, ein an sich schon eher merkwürdiger Begriff, prägt Prozesse zwischen Politik und Gesellschaft, Wirtschaft und Kultur. Was gestern wichtig war, ist morgen schon wieder vergessen; es ist inzwischen etwas wichtigeres passiert. Wann hat die Gesellschaft Zeit? Wann hat die Gesellschaft Ruhe? Wann wird innegehalten und gefragt, was gerade ist und was eventuell mal sein soll? – All diese Fragen scheinen keinen wirklichen Platz zu haben in dieser rasanten Welt. Das Tempo ist dabei aber nur ein Aspekt. Ein anderer Aspekt findet sich in der Polarisierung, dem politischen Stammesdenken, den gesellschaftlichen Schützengräben. Wer mit dem Gewehr in Erwartung des Feindes durch den Schießschacht schaut, der hat auch keine Zeit innezuhalten, nachzudenken, einen Schritt zurück zu gehen. Dieser Artikel will sich ausgehend von dem als Metapher verwendeten historischen Ereignis des Weihnachtsfriedens von 1914, an der Frage abarbeiten, wie wichtig Momente des Innehaltens und der gesellschaftlichen „Waffenruhe“ sind, wie sie politiktheoretisch eingeordnet werden, wann in der Historie die Gesellschaft solche Momente kollektiv durchlebt hat und was dies für die heutigen westlichen Gesellschaften bedeutet.


Der Weihnachtsfrieden

„Wir wollten schon auf sie feuern, als wir sahen, dass sie unbewaffnet waren, also ging einer von unseren Männern zu ihnen hin – und binnen zwei Minuten wuselten zwischen den Gräben Soldaten und Offiziere beider Seiten schüttelten sich die Hände und wünschten sich fröhliche Weihnachten.“ -Captain Alfred Dougan Chater, Offizier der britischen Armee (1).

Der Weihnachtsfrieden von 1914 wird vermutlich den meisten Menschen, vermutlich noch aus dem Schulunterricht, bekannt sein. Es ist ein historisches Ereignis und gerade in diesem besonders grauenvollen ersten Weltkrieg ein Testament der Menschlichkeit in ihrer unwahrscheinlichsten Form. Ob das Narrativ dieses Weihnachtsfriedens über die Zeit romantisiert wurde oder nicht, soll hier nicht zum Thema gemacht werden und auch falls Teilaspekte romantisiert wurden, bleiben die Augenzeugenberichte einschlägig genug, um dieses Ereignis als Ausgangspunkt dieses Artikels zu verwenden.
Mit dem Gewehr am Schützengraben – das also war die Situation Sekunden bevor Einzelne die Initiative übernommen haben und so ein kollektives Erleben von Frieden und Menschlichkeit zwischen den Soldaten ausgelöst haben. Der Schützengraben ist dabei (natürlich abstrahiert) eine leider immer zutreffendere Metapher für die Debattenkultur westlicher Demokratien im Jahr 2025. Das Ansinnen dieses Artikels ist daher, zunächst die Metapher des Schützengrabens zu rechtfertigen und anschließend nach historischen Ereignissen zu suchen, welche eine ähnliche Form von Waffenstillstand oder Innehalten repräsentieren, um abschließend zu evaluieren, ob wir in der heutigen Gesellschaft zu solche einem (zumindest temporären) gesellschaftlichen Waffenstillstand in der Lage sind.

Der gesellschaftliche Schützengraben

Die Behauptung, dass im Jahr 2025 gesellschaftliche Schützengräben in westlichen Demokratien bestehen, bedarf an sich zunächst einer Begründung. Wie bereits zuvor erwähnt, ist der Begriff Schützengraben hier als Metapher zu verstehen, welche mehrere Begriffe und Konzepte in sich vereinen kann. Die zentralen Konzepte, welche dort auch in der Forschung eine zentrale Rolle spielen sind unter anderem: Affektive Polarisierung, Kognitive Verzerrungen & Bestätigungsfehler, Soziale Identitätstheorie und Politische Stammesbildung / Tribalism. Es ist nicht möglich all diese Konzepte im Rahmen dieses Artikels ausreichend zu beleuchten. Das Ziel besteht jedoch in einer kurzen Beschreibung, um den Begriff des Schützengrabens als Sammelbegriff zu legitimieren. Die hier beschriebenen Konzepte und Theorien lagern sich überwiegend im Bereich der politischen Psychologie an (bezogen auf das Spektrum der Politikwissenschaft) und werden immer breiter erforscht, häufig auch experimentell. Wenn nun aber eingängige Definitionen gefragt sind, ist beispielsweise die Einordnung von Kumkar (2024) zu nennen, welcher die affektive Polarisierung als etwas beschreibt, welche auf die empfundene Abneigung zwischen politischen Lagern abzielt und weniger auf tatsächliche thematische Differenzen (2). Die affektive Polarisierung ist auf den ersten Blick also durchaus diffus und schwer greifbar, jedoch zeigt sich ein reales Problem in dem Moment, wo Studien eine starke affektive Polarisierung zwischen AfD-Anhängern und Anhängern anderer Parteien ausmachen können (2). Iyengar et al. (2018) bringen die affektive Polarisierung derweil in Zusammenhang mit sozialen Identitäten und Partisanship (Parteilichkeit) und heben die gegenseitige Beeinflussung hervor (3). Ein verknüpfendes Argument zwischen Kumkar und Iyengar et al. geht von Francis Fukuyama (2018) aus, welcher die Abkehr von thematischen Differenzen als Grundlage für Polarisierung und soziale Identitäten und Partisanship vereint, indem er sagt: „All these developments relate in some way to the economic and technological shifts of globalization. But they are also rooted in a different phenomenon: the rise of identity politics. (…) Politics today, however, is defined less by economic or ideological concerns than by questions of identity.“ (S.91) (4). Es geht also an dieser Stelle nicht mehr um Meinungen. Es geht an dieser Stelle um das Selbstbild eines Individuums und die kollektiven Effekte der Konfrontation von Selbstbildern.
Für einen politischen Streit oder eine Debatte hat dies weitreichende Folgen: Es wird nicht mehr um das bessere Argument oder den vermeintlich besseren politischen Inhalt gestritten, es wird über die Verteidigung und Überlebensfähigkeit von Selbstbildern gestritten. Dies ist ein gefährlicher und in Teilen ein zutiefst narzisstischer Kampf und das rechts wie links. Es geht schon lange nicht mehr um die Frage nach der besten Idee, es streiten sich narzisstische Persönlichkeitsbilder um die Gunst der eigenen Blase, der eigenen Peer-Group, dem eigenen politischen Stamm (Tribe). Die Aggressivität, welche teils in heutigen Debatten zu beobachten ist, rührt nicht zuletzt daher, dass das Verlieren des Kampfes (oder Streits) gleichbedeutend ist mit der Verletzung oder sogar der Zerstörung des eigenen Selbstbildes. Dieses Selbstbild, gefüttert von der affektiven Wahrnehmung dessen, was die eigene Blase wohl für eine Rollenerwartung an das Individuum hat, überlebt nur, falls es permanent „gut“ ist. Dieses Selbstbild will beweisen „gut“ zu sein. Und jede alternative Wertzuschreibung zu diesem „gut sein“ ist ein Angriff auf die höchst-persönliche Identität des zivilen Kombattanten, nochmals: rechts wie links. Man kann es vergiftete Debattenkultur, Identitätspolitik oder auch Polarisierung nennen. Am Ende ist es aber vielleicht auch der Schützengraben mit narzisstischen Persönlichkeitsbildern auf beiden Seiten des Niemandslandes, welche lieber schnell den Abzug drücken, als ein Stück ihres Selbstbildes aufgeben zu müssen.
Nun stellt sich aber natürlich die Frage, was Gesellschaften machen sollten, um diesen unversöhnlichen Zustand zu überwinden und zu demokratischen Debatten zurückzukehren.

Waffenruhe

Die Metapher der Waffenruhe soll an sich zwar originell als Sammelbegriff fungieren, jedoch speist sich diese Vorstellung einer gesellschaftlichen Waffenruhe aus verschiedenen einflussreichen Konzepten, vor allem aus der Soziologie. Ein wesentliches Konzept, welches die Metapher der Waffenruhe beeinflusst ist jenes von Émile Durkheim, welcher den Begriff der Collective Effervescence oder kollektiver Lebhaftigkeit geprägt hat(5). Diese kollektive Lebhaftigkeit sei nach Durkheim ein verbindendes und sinnstiftendes Element von Gesellschaft, welche durch das Zusammenkommen und kommunizieren gleicher „Gedanken“ und das Ausüben gleicher Handlungen erreicht werden kann. In der unspezifischsten Form dieses Begriffes lassen sich also verschiedene gesellschaftliche Ereignisse auf das Konzept anwenden, wie zum Beispiel große Sportereignisse oder das Zusammenkommen nach externen Schocks. Ein weiteres Konzept Durkheims besteht in der Collective Conciousness (oder dem Kollektivbewusstsein), in welchem gesellschaftliche Einheit durch gemeinsame Wert- und Moralvorstellungen, Ideen und Verhaltensweisen abgeleitet wird (6). An der Schützengraben-Metapher kann jedoch gut aufgezeigt werden, dass das Kollektivbewusstsein im Singular wahrscheinlich nicht existiert. Viel mehr müsste von mehreren kollektiven Bewusstseinsebenen gesprochen werden, die sich je nach Situation dominanter und weniger dominant ausprägen. So bestehen zum Beispiel in der deutschen Gesellschaft vielleicht kollektive Bewusstseinsebenen, es ist jedoch die Frage, wann jene dominieren und somit eine gesellschaftliche Polarisierung überragen und somit zumindest temporär in der Relevanz schwächen.
Zusammengenommen ermöglichen die Konzepte der kollektiven Lebhaftigkeit und des Kollektivbewusstseins also die Frage, wie jene balanciert sein müssen, um kollektive Erfahrungsmomente wie in der Metapher des Weihnachtsfriedens, zu ermöglichen. Es reicht also nicht aus, dass Menschen aufeinandertreffen und das gleiche tun, sie müssen das gemeinsame Tun auch unter dem Dach eines zu dem Zeitpunkt dominierenden Kollektivbewusstsein kontextualisieren.
In der Metapher des Weihnachtsfriedens wird dabei recht deutlich, dass feindlich gegenüberstehende Truppen mit verschiedenen Nationalitäten und militärischen Zielen es trotzdem geschafft haben eine dominierende kollektive Bewusstseinsebene herzustellen. In dem Fall das christliche Weihnachtsfest, die viele Soldaten betreffende Kriegsmüdigkeit, der Wunsch nach einer Pause der ständigen Angst vor dem eigenen Tod. All dies führte wohl zur Bildung eines temporären kollektiven Bewusstseins und ermöglichte collective Effervescence, und somit den Eintrag in die Geschichtsbücher als Testament der Menschlichkeit in ihrer unwahrscheinlichsten Ausprägung. Um diese Betrachtungsweise nochmal an weiteren Ereignissen zu verdeutlichen und zu unterstreichen, dass der Weihnachtsfrieden bezüglich der angesprochenen Dynamik keine Singularität ist, wird nun folgend eine tabellarische Übersicht über weitere Ereignisse präsentiert, welche auch unter die Metapher des „Waffenstillstands“ oder „Weihnachtsfriedens“ fallen können.


Lektionen für die Gesellschaft des 21. Jahrhunderts

Worauf läuft nun die Zusammenstellung dieser Beispiele und die Konstruktion der übergeordneten Metaphern des Weihnachtsfriedens und der Waffenruhe hinaus?
Die Beschreibungen des jetzigen Zustands zeigen eindrücklich, dass Gesellschaft und Debattenkultur nicht in jenem modus vivendi fortgesetzt werden können, wenn man es mit einer demokratischen Kultur und einem authentischen gesellschaftlichen Deliberationsprozess hält. Dieser Artikel zeigt zwar keinen konkreten Weg hinaus aus diesem Status quo, jedoch zeigt die Metapher des Weihnachtsfriedens eindeutig, dass Menschen auch in der unwahrscheinlichsten Situation und Konstellation, ein Bedürfnis nach einer „Waffenruhe“ haben und in der Lage sind diese auch gegen Widerstände zu erlangen. Die weiteren Beispiele einer solchen Waffenruhe haben zudem gezeigt, dass eine solche in verschiedener, mal politischer mal weniger politischer Gestalt, auftreten kann. Es sollte Anlass zur Hoffnung geben, dass diese Ereignisse, auch wenn sie teils extern beeinflusst initiiert sind (durch zum Beispiel politisch-historische Ereignisse, Massenevents oder externe Schocks wie Naturkatastrophen), immer wieder auftreten und einen zumindest temporären Raum für Verbindung und Austausch ermöglichen. Von diesem Raum kann Gesellschaft profitieren und jener Raum, egal wie oberflächlich und belanglos er erscheinen mag, sollte nicht trivialisiert werden.

By Christoph Lichters


Die Zitierweise in diesem Artikel richtet sich eher nach Praktikabilität und nicht nach den tatsächlichen Standards der American Psychological Association. Die Quellenliste ist somit nach numerischer Reihenfolge im Text sortiert und nicht alphabetisch. Für die bessere Lesbarkeit wurden ebenso keine Verweise im Text verwendet sondern lediglich die numerischen Verweise auf das Quellenregister.

Quellen:
(1) https://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/weihnachten-im-ersten-weltkrieg-brief-beschreibt-waffenruhe-a-1010214.html?
(2) Kumkar, N. (2024). Das Böse dahinter: Verschwörungstheorie, Populismus und die Kommunikation affektiver Polarisierung. Zeitschrift für theoretische Soziologie, (1).
(3) Iyengar, S., Lelkes, Y., Levendusky, M., Malhotra, N. & Westwood, S. J. (2018). The Origins and Consequences of Affective Polarization in the United States. Annual Review Of Political Science, 22(1), 129–146. https://doi.org/10.1146/annurev-polisci-051117-073034.
(4) Fukuyama, Francis. (2018). Against identity politics: the new tribalism and the crisis of democracy. Foreign Affairs, 97(5), 90-115.
(5) Durkheim, E. (1995). Elementary forms of the religious life: Newly Translated By Karen E. Fields. Free Press.
(6) Durkheim, E. (1984). The Division of Labour in Society. https://doi.org/10.1007/978-1-349-17729-5.

Posted in

Kommentar verfassen

Entdecke mehr von Heidelberg Review

Jetzt abonnieren, um weiterzulesen und auf das gesamte Archiv zuzugreifen.

Weiterlesen