Die Abstimmung über das Wehrdienst-Modernisierungsgesetz am 5. Dezember 2025 und die begleitenden Schülerstreiks in Dutzenden deutschen Städten markieren eine Zäsur. Wenn Jugendliche artikulieren, sie ließen sich „nicht als Kanonenfutter“ verheizen und würden „lieber von Putin beherrscht werden als Krieg zu führen“ (Lackermeier 2025), offenbart sich weitaus mehr als jugendlicher Trotz gegen unwillkommene staatliche Zumutungen.

Hier kollidieren zwei unvereinbare Rationalitäten: die geopolitische Notwendigkeit militärischer Abschreckung und eine bürgerliche Lebenswelt, in der die physische Unversehrtheit des Individuums als absolutes, nicht verhandelbares Gut gilt. Dass laut Jugendtrendstudie 2025 über 80 Prozent der Generation Z den Kriegsdienst verweigern und 70 Prozent jede Form der bewaffneten Landesverteidigung ablehnen, ist kein moralisches Versagen dieser Generation. Es ist die Konsequenz einer Gesellschaft, die das Heroische überwunden hat. Als Begründung für diese Einstellungen treten Selbstbestimmung und persönliche Freiheit hervor – nach dem Motto, so die Studienautoren, „Ich lass mir doch nicht vorschreiben, was ich mit meinem Leben mache“. Diese Haltung verlangt nach Erklärungen, die ohne moralisierende Schuldzuweisungen an eine vermeintlich dekadente Jugend auskommen.

I. Die postheroische Gesellschaft und der Primat des Überlebens

Um die gegenwärtige Gemengelage zu verstehen, muss man den Blick von individuellen Moralvorstellungen auf die demografische und soziologische Struktur lenken. Herfried Münkler (2012) beschreibt westliche Demokratien treffend als „postheroische Gesellschaften“. Postheroische Gesellschaften zeichnen sich dadurch aus, dass die körperliche Unversehrtheit und das individuelle Leben als oberste Werte gelten. In ihnen erscheint das Opfer für ein Kollektiv – sei es Nation, Volk oder eine abstrakte Ehre – als pathologische und archaische Irrationalität. Die sinnhafte Aufladung des tugendhaften Todes im Kampf, die heroische Gesellschaften durch religiöse oder quasi-religiöse Mythen legitimierten, ist den entzauberten postheroischen Gesellschaften abhandengekommen.

Diese Verschiebung hat materielle Ursachen. In früheren Gesellschaften mit hohen Geburtenraten verteilte sich das emotionale Kapital der Eltern auf mehrere Nachkommen; der Verlust eines Sohnes im Krieg war eine Tragödie, aber keine Auslöschung der familiären Zukunft. In der demografisch kontrahierten Bundesrepublik, in der Einzelkinder die Norm sind, verändert sich diese Kalkulation grundlegend. Die Investition an Zeit, Emotionen und Ressourcen in das „eine Kind“ ist so beträchtlich, dass dessen Verlust als absoluter Weltuntergang empfunden wird. Ein Einzelkind hat keine Geschwister, die das familiäre Vermächtnis weitertragen könnten. Wenn dieser Jugendliche sagt: „Ich lass mir nicht vorschreiben, was ich mit meinem Leben mache“, dann verteidigt er das einzige Kapital, das er und seine Eltern besitzen: seine physische Existenz. Deutschland hat diese Disposition, bedingt durch die totale Niederlage 1945 und die darauffolgende Skepsis gegen alles Militärische, in ihrer reinsten Form kultiviert.

II. Postmaterialismus und die formative Sicherheit

Hinzu kommt eine spezifische historische Blindheit. Die Theorie des Wertewandels, wie sie Ronald Inglehart seit den 1970er Jahren entwickelt hat, liefert eine komplementäre Erklärung. Ingleharts zentrale These lautet, dass Menschen in ihrer formativen Phase – Kindheit und Jugend – diejenigen Werte verinnerlichen, die unter den damals herrschenden Lebensbedingungen als knapp und daher wertvoll erscheinen. Wer in materieller Unsicherheit aufwächst, entwickelt eher „materialistische“ Wertorientierungen, also ein Streben nach wirtschaftlicher Sicherheit, Ordnung und physischer Unversehrtheit. Wer dagegen in Wohlstand und Sicherheit sozialisiert wird, wendet sich „postmaterialistischen“ Werten wie Selbstverwirklichung, Partizipation und Lebensqualität zu.

Die Generation Z ist die erste Kohorte, deren gesamte formative Phase nach dem Ende des Kalten Krieges und Fukuyamas proklamiertem „Ende der Geschichte“ liegt. Existenzielle Bedrohungen waren für sie abstrakt – der Klimawandel als schleichende Katastrophe, Terrorismus als fernes Medienereignis, geopolitische Rivalitäten als Gegenstand von Geschichtsbüchern. Physische Sicherheit, für frühere Generationen eine hart erkämpfte Errungenschaft, erschien ihr als natürlicher Aggregatzustand der Welt.

Ingleharts Sozialisationshypothese impliziert, dass solche Wertorientierungen eine hohe Stabilität aufweisen. Eine Generation, die unter postmaterialistischen Bedingungen sozialisiert wurde, wird nicht zwingend „materialistisch“, sobald sich die objektiven Rahmenbedingungen verschlechtern. Die emotionale und kognitive Prägung der Jugend wirkt langfristig fort. Diese Trägheit erklärt, warum die Rückkehr geopolitischer Unsicherheit seit 2014 – Krim-Annexion, Krieg in der Ukraine – bislang nicht zu einer entsprechenden Verschiebung der Wertorientierungen der jungen Generation geführt hat. Die Reaktion ist weniger Mobilisierung als vielmehr Verdrängung und Realitätsverweigerung.

III. Der Staat als Dienstleister: Erosion der Reziprozität

Ein dritter Erklärungsstrang betrifft das veränderte Verhältnis zwischen Bürger und Staat. Das klassische republikanische Modell beruhte auf Gegenseitigkeit: der Staat gewährt Schutz und Rechte, der Bürger leistet im Gegenzug Dienst und Gehorsam – im äußersten Fall den Wehrdienst. Diese Reziprozität war nie vollständig realisiert, bildete jedoch den normativen Referenzrahmen der politischen Gemeinschaft. Der Citoyen erschien darin nicht als Leistungsempfänger, sondern als konstitutiver Träger des Gemeinwesens.

Die Transformation des Staatsverständnisses seit den 1990er Jahren hat dieses Modell erodiert. Die Reformen unter dem Leitbild des „aktivierenden Staates“ – von der Bahnprivatisierung über die Einführung von Studiengebühren bis zu den Hartz-Reformen – etablierten eine Semantik, in der öffentliche Leistungen als Produkte und Bürger als deren Kunden erscheinen. Wenn der Staat sich primär als effizienter Dienstleister präsentiert, verändert sich das Verhältnis fundamental. Ein Kunde stirbt nicht für sein Versorgungsunternehmen. In dieser Logik erscheint die Forderung nach dem „Blutzoll“ als einseitige Vertragsänderung, als Zumutung, die dem stillschweigenden Konsens zwischen Staat und Bürger zuwiderläuft.

Hinzu kommt eine spezifische Entfremdung der jungen Generation vom Staat. Viele Jugendliche empfinden ihn in zentralen Bereichen als vertragsbrüchig – etwa beim Klimaschutz, bei der Rentensicherung, bei der Wohnungspolitik. Die Frage lautet: Warum sollten wir die Grenzen eines Staates verteidigen, der unsere Zukunft nicht sichert? Diese Haltung verkennt zwar, dass äußere Sicherheit eine notwendige Voraussetzung jeder klimapolitischer Bestrebung ist, macht aber die emotionale Distanz gegenüber den Verteidigungsappellen nachvollziehbar.

IV. Die strategische Dimension: Abschreckung und Glaubwürdigkeit

Die postheroische Mentalität ist kein rein innergesellschaftliches Phänomen, sondern trägt unmittelbare strategische Risiken. Abschreckung setzt voraus, dass potenzielle Aggressoren daran glauben, der Verteidiger sei kampfbereit. Gesellschaftliche Äußerungen wie „lieber von Putin beherrscht werden als kämpfen“ untergraben daher jede Glaubwürdigkeit der Abschreckung.

Die Bevölkerungsbefragung 2025 des Zentrums für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften der Bundeswehr (Graf 2025) zeichnet ein differenzierteres Bild. 54 Prozent der Männer und 21 Prozent der Frauen im wehrfähigen Alter bekunden Bereitschaft zur bewaffneten Landesverteidigung. Unter den 16- bis 29-Jährigen spricht sich inzwischen eine relative Mehrheit von 41 Prozent für einen neuen Wehrdienst aus – ein Anstieg um fünf Prozentpunkte gegenüber dem Vorjahr. Etwa zwei Drittel der Befragten sehen in Russland eine Bedrohung für die Sicherheit Deutschlands.

Diese Daten deuten darauf hin, dass die postheroische Disposition nicht monolithisch ist. Die Rückkehr geopolitischer Unsicherheit beginnt Wirkung zu zeigen – wenn auch langsam und ungleichmäßig. In der republikanischen Tradition ist die Bereitschaft der Bürger, das Gemeinwesen zu verteidigen, konstitutiv für politische Stabilität und die Handlungsfähigkeit des Staates. Eine Gesellschaft, deren Mitglieder sich öffentlich weigern, diese Pflicht zu erfüllen, schwächt nicht nur die praktische Verteidigungsfähigkeit, sondern unterminiert auch die normative Grundlage staatlicher Souveränität. Die Kluft zwischen medienwirksamer Wehrdienstverweigerung und der komplexeren Realität der öffentlichen Meinung sollte analytisch nicht übergangen werden.

V. Die Naivität der Gemütlichkeit: Eine kritische Würdigung

Die soziologische Erklärung postheroischer und postmaterialistischer Dispositionen darf nicht mit deren Rechtfertigung verwechselt werden. Die Haltung „lieber Besatzung als Krieg“ zeugt von einer erschreckenden Unterschätzung dessen, was autokratische Herrschaft bedeutet. Sie ist Ausdruck intellektueller Selbstgefälligkeit bei jenen, die Frieden für einen Naturzustand halten, statt ihn als fragile, verteidigungsbedürftige Errungenschaft zu begreifen.

Die Parole „Krieg ist keine Zukunftsperspektive“, wie sie in den Protestaufrufen erscheint, besticht durch ihre pazifistische Schlichtheit. Doch sie übersieht, dass Krieg keine Frage individueller Präferenz ist. Er kann von außen aufgezwungen werden. Nicht zu kämpfen ist nur dann eine Option, wenn der Aggressor diese Entscheidung anerkennt. Angesichts Russlands, dessen Führung Teile der Ukraine devastiert und die ukrainische Bevölkerung terrorisiert, ist eine solche Annahme völlig illusorisch.

Die Generation Z ist in einer Welt aufgewachsen, in der Konflikte nach dem Schema deliberativer Politik als Missverständnisse erschienen, die sich durch Dialog und Kompromiss lösen ließen. Dass es Akteure gibt, die vernichten wollen – nicht verhandeln, nicht koexistieren, sondern unterwerfen und zerstören –, sprengt den Vorstellungshorizont einer Kohorte, die auf Konsens und Aushandlung trainiert ist. Carl Schmitts Begriff des „Politischen“, verstanden als Unterscheidung von Freund und Feind, ist dieser Generation weitgehend fremd geworden. Die Folge ist eine gefährliche Unfähigkeit, die Realität geopolitischer Machtkonflikte adäquat zu erfassen.

VI. Die Frage der Vermittlung

Angesichts dieser Diagnose drängt sich die Frage auf, wie der Graben zwischen sicherheitspolitischer Notwendigkeit und gesellschaftlicher Mentalität überbrückt werden kann. Ein bloßes Anordnen von „Kriegstüchtigkeit“ prallt an den postheroischen Dispositionen ab. Gesetze mag die Bundesregierung erlassen, doch die kulturellen Tiefenstrukturen lassen sich nicht per Dekret verändern.

Was fehlt, ist ein republikanischer Diskurs, der dringlich plausibilisiert, warum die freiheitliche Lebensform, die die Protestierenden als selbstverständlich ansehen, überhaupt verteidigungswürdig ist. Die Ironie der Schülerstreiks liegt darin, dass Jugendliche ein Grundrecht – die Versammlungsfreiheit – nutzen, um gegen die Verteidigung genau jener Ordnung zu protestieren, die ihnen dieses Recht garantiert. In einer russischen Besatzungszone wäre ein solcher Protest undenkbar.

Der jugendliche Protest ist nicht grundsätzlich illegitim. Die Frage, wer bereit sein soll, für welche Interessen zu sterben, ist eine genuin politische, die in einer Demokratie öffentlich verhandelt werden muss. Kritik an „Militarisierung“ und Forderungen nach „Diplomatie“ sind nicht per se irrational, auch wenn sie oft unterkomplex formuliert werden. Der Protest verdeutlicht, dass ein erheblicher Teil der jungen Generation die Notwendigkeit erhöhter Verteidigungsbereitschaft nicht teilt – ein Defizit, das durch bessere Kommunikation, nicht durch Zwang, ausgeglichen werden sollte.

Freilich trägt auch die sicherheitspolitische Seite Verantwortung für die Kluft. Die Forderung nach „Kriegstüchtigkeit“ wird von einer politischen Klasse erhoben, die über Jahrzehnte die Bundeswehr vernachlässigt, die Abhängigkeit von russischem Gas vorangetrieben und jede strategische Debatte als Militarismus abgetan hat. Wenn dieselben Akteure, die 2014 Nord Stream 2 verteidigten, nun heroische Opferbereitschaft einfordern, ist die Skepsis der Jugend politisch nachvollziehbar. Die Glaubwürdigkeitskrise betrifft beide Seiten: eine Generation, die das Politische nicht mehr denken kann, und eine politische Elite, die es über Jahrzehnte nicht denken wollte.

VII. Schluss: Die doppelte Krise

Die Debatte um Wehrpflicht und Kriegstüchtigkeit legt die Konturen einer doppelten Krise offen: eine strategische Krise der deutschen Sicherheitspolitik, die mit einer mentalen Krise der Gesellschaft zusammenfällt. Die strategische Dimension – die Frage, ob Deutschland angesichts einer revisionistischen Großmacht in der Nachbarschaft und eines zunehmend unzuverlässigen transatlantischen Bündnispartners ausreichend verteidigungsfähig ist – kann hier nicht abschließend beantwortet werden. Sie erfordert weitergehende militärische und geopolitische Untersuchungen.

Die mentale Dimension ist Gegenstand dieses Essays gewesen. Die Generation Z ist nicht „dekadent“ im moralischen Sinne; sie ist Produkt historischer Umstände, die postheroische und postmaterialistische Orientierungen hervorgebracht haben. Diese Orientierungen sind verständlich, aber nicht alternativlos. Historische Prägungen lassen sich durch neue Erfahrungen und Diskurse modifizieren – langsam, unvollständig, aber dennoch in relevantem Ausmaß.

Die eigentliche Aufgabe besteht darin, der jungen Generation zu vermitteln, dass die freiheitliche Ordnung, die sie als selbstverständlich betrachtet, auf Voraussetzungen beruht, die verteidigt werden müssen. Solange Freiheit nur als Konsumfreiheit verstanden wird und nicht als Selbstbehauptung eines politischen Gemeinwesens, bleibt jeder Appell an Verteidigungsbereitschaft unverständlich. Die postheroische Gesellschaft steht vor der Herausforderung, ohne heroische Haltung eine tragfähige Sicherheitskultur zu entwickeln – eine Aufgabe, für die es unter Bedingungen geopolitischer Exposition und abnehmender externer Sicherheitsgarantien kaum historische Vorbilder gibt.

Quellenverzeichnis

Fukuyama, Francis. 1992. The End of History and the Last Man. New York: Free Press.

Graf, Timo. 2025. „Deutschland in der militärischen Führungsrolle?“ ZMSBw. https://zms.bundeswehr.de/de/publikationen-ueberblick/bevoelkerungsbefragung-2025-deutschland-fuehrungsrolle–5990790 (14. Dezember 2025).

Inglehart, Ronald. 1977. The Silent Revolution: Changing Values and Political Styles among Western Publics. Princeton: Princeton University Press.

Lackermeier, Lena. 2025. „Schüler bei ‚Die 100‘: ‚Lieber von Putin beherrscht werden als im Krieg sein‘“. Focus. https://www.focus.de/politik/schueler-bei-die-100-lieber-von-putin-beherrscht-werden-als-im-krieg-sein_9f97060b-d4a3-49bf-8ee9-811aa309f689.html (14. Dezember 2025).

Maas, Rüdiger. 2025. „Jugendtrendstudie 2025“. Generation Z. https://www.generation-thinking.de/post/jugendtrendstudie-2025 (14. Dezember 2025).

Münkler, Herfried. 2012. „Heroische und postheroische Gesellschaften“. In Krieg und Zivilgesellschaft., hrsg. Dierk Spreen und Trutz von Trotha. Duncker & Humblot GmbH, 175–88. http://www.jstor.org/stable/j.ctv1q69xs0.7 (14. Dezember 2025).

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